Fotoausstellung mit Like-Codes: Das Publikum wählte den Gewinner

Ein Gemeindezentrum in einer kleinen Stadt. Einmal im Jahr findet dort eine Amateur-Fotoausstellung statt. Dreißig Werke, drei Jurymitglieder, ein Gewinner. Das Format hatte sich seit fünf Jahren nicht geändert.

Der Organisator hatte schon lange ein Problem bemerkt: Die Jury wählt technisch starke Aufnahmen, während sich die Besucher um ganz andere scharen. Menschen stehen vor einem Foto, verweilen, diskutieren – aber ihre Meinung wird nie gezählt.

Dieses Jahr wurde neben jedes Bild ein QR-Code mit der Aufschrift platziert: «Gefällt dir das Foto? Hinterlass ein Like.» Ein Besucher – ein Like. Einfach und fair.

Die Ausstellung lief zwei Wochen. Die Jury bewertete Komposition, Beleuchtung, Technik. Das Publikum bewertete Emotion. Die Ergebnisse stimmten nur in einem von drei Fällen überein.

Der erste Platz der Jury ging an eine Landschaft mit perfekter Belichtung und präziser Horizontlinie. Schön, professionell, kühl. Der Publikumsgewinner war ein Foto eines älteren Paares auf einer Parkbank. Technisch einfach – Handykamera, natürliches Licht. Aber die Menschen blieben stehen und schauten. Dreiundsiebzig Likes – doppelt so viele wie jedes andere Werk.

Der Organisator entschied, zwei Preise zu vergeben: einen Jury-Preis und einen Publikumspreis. Der Autor des «Volks»-Fotos – ein Rentner mit einem Handy – hatte es nicht erwartet und weinte auf der Bühne.

Jetzt findet die Ausstellung jährlich mit QR-Abstimmung statt. Letztes Jahr kamen doppelt so viele Besucher – viele kamen extra zum Abstimmen. Die Lokalzeitung schrieb: «Eine Fotoausstellung, bei der die Zuschauer entscheiden, nicht die Experten.»

Die Jury war nicht beleidigt. Im Gegenteil – sie berücksichtigt jetzt Publikums-Likes bei ihrer Bewertung. Sie sagen, es hilft ihnen, nicht zu vergessen, für wen Kunst wirklich da ist.